Berliner Zeitung, 24.04.2004, Ressort: Politik, Autor: Tobias Miller, Tagesthema Seite: 02

Zahlen und lernen

BILDUNG - Der Anteil der Privatschulen in Deutschland steigt. Nach dem vernichtenden Urteil der Pisa-Studie wollen auch viele Berliner Eltern vor allem eines: besseren Unterricht für ihre Kinder.

BERLIN, 23. April. Die Unzufriedenheit der Eltern mit den Berliner Schulen lässt sich besichtigen, etwa im Köpenicker Ortsteil Wendenschloss. Dort muss der Bezirk zwei Schulen aufgeben. Zu wenig Kinder. Die Realschule in der Köpenzeile 125 ist schon weg, das benachbarte Nelly-Sachs-Gymnasium zieht spätestens 2006 ins Allende-Viertel. Aber die Bildung geht nicht unter: An gleicher Stelle entstehen zwei neue Privatschulen. Die haben - trotz Schulgeld - keine Probleme, genügend Schüler zu finden. Viele Eltern zahlen lieber für die Bildung ihrer Kinder, als sich auf kostenfreie staatliche Schulen zu verlassen.

Seit 2000, dem Jahr des Pisa-Schocks, sind in Berlin elf neue allgemein bildende Privatschulen gegründet worden. In den fünf Jahren davor waren es gerade mal fünf. Während landesweit die Schülerzahl seit 1995 um 60 000 sank, stieg die Zahl der Privatschüler von 13 500 auf 17 000.

Die Schulen, die in Köpenick entstehen, könnten unterschiedlicher kaum sein. Auf dem Gelände des Nelly-Sachs-Gymnasiums soll das erste evangelische Gymnasium in Ost-Berlin gegründet werden. In die alte Realschule an der Köpenzeile ist bereits im Februar die Freie Montessori Schule eingezogen. Die Motive der Eltern, die die Schulgründungen initiierten, sind ähnlich: "In staatlichen Schulen fällt zu oft Unterricht aus und die Lehrer sind stark überaltert", sagt Detlef Postel.

Postel ist Chef des Fördervereins des Evangelischen Gymnasiums. Allein schon wegen der zu großen Klassen in öffentlichen Schulen könnten die Lehrer relativ wenig individuell auf die Schüler eingehen, sagt er. Am neuen Gymnasium sollen pro Klasse nicht mehr als 25 Kinder lernen.

Bei Gabi Dietrich und Martina Jambor war es die Regel-Pädagogik der staatlichen Schulen, die sie gestört hat. Die beiden sind die Vorsitzenden des Elternfördervereins für Montessori-Pädagogik in Köpenick. Schon vor Jahren haben sie sich für diesen Ansatz begeistern lassen, der auf altersübergreifendes Lernen, individuelle Lernpläne und Projektarbeit setzt. Zunächst war es ihnen gelungen, mit anderen Eltern an einigen Grundschulen in Köpenick Montessori-Klassen zu bilden. "Da stieß man aber schnell an Grenzen", sagt Dietrich. So spielen Zensuren bei Montessori keine Rolle. Der Wunsch wuchs, eine eigene Schule zu gründen. Zwei Jahre wurde an dem Konzept gearbeitet. Heraus kam eine Bildungseinrichtung, die vom Kindergarten bis zum Abitur führt. Im Februar 2003 wurden die Anträge gestellt, im Februar 2004 ging es los: mit 15 Kindern im Kinderhaus und 20 Kindern in der Grundschule.

Über mangelnde Nachfrage kann die Montessori-Schule nicht klagen. Dabei ist die Schule nicht billig. 140 Euro Schulgeld im Monat sind fällig, dazu kommen Hortbeiträge, für die Betreuung am Nachmittag. Und die ist Pflicht. "Der Hort gehört zum Schulprogramm", erläutert Jambor.

Zudem muss eine einmalige Aufnahmegebühr von 500 Euro gezahlt werden. Günstiger geht es kaum, obwohl die Pädagogen nur 75 Prozent des Tarifgehaltes bekommen. Die freie Montessori-Schule gehört nämlich nicht zu den so genannten bewährten Trägern. Das heißt, sie bekommt in der Aufbauphase kein Geld vom Staat. Die Aufbauphase dauert so lange, bis der erste Jahrgang die letzte Klassenstufe erreicht. Bei der Grundschule sind es fünf Jahre. Halten die Eltern durch, erhält die Schule 93 Prozent der Personalkosten einer öffentlichen Schule. "Ohne Kredit geht es nicht", sagt Dietrich. Den bekommt die Elterninitiative von der Bochumer Gemeinschaftsbank Leihen und Schenken. Als Sicherheit müssen aber alle Eltern eine Bürgschaft von 3 000 Euro zeichnen.

Zuschüsse vom Land

Dieses Finanzierungsproblem hat das evangelische Gymnasium nicht. Die evangelische Schulstiftung, die Trägerin der Schule, ist vom Staat bereits anerkannt. Sie bekommt vom ersten Unterrichtstag an einen Zuschuss. "Allerdings nicht über die volle Höhe", sagt Manfred Hermann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Statt 93 gibt es zunächst aber nur 78 Prozent. Dennoch wird das Schulgeld, wie an allen evangelischen Schulen zwischen 45 und 125 Euro betragen.

Die Bedingungen für Schulgründungen sind in Berlin eigentlich gar nicht schlecht, sagt Hermann. Da in Berlin relativ viele staatliche Schulgebäude wegen des Schülerschwunds leer stehen. Wäre da nicht das Geld. Oft müssen die alten Schulen saniert werden. Dazu kommt, dass sich die Bezirke und vor allem der Finanzsenator Mieten und Verkaufspreise wünschen, die die freien Träger nicht bezahlen können. Aber insgesamt sei die Zusammenarbeit gut, sagen die beiden Schulinitiativen. Sie warten noch auf einige Genehmigungen.

------------------------------

Konzepte und Kosten // In Deutschland gab es im Jahr 2002 nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 2 500 Privatschulen. Ihr Anteil an den deutschen Schulen insgesamt stieg von 4,5 Prozent im Jahr 1992 auf 6,2 Prozent.

Alle Schulen außerhalb der öffentlichen Trägerschaft (Staat) gelten als Privatschulen. Etwa 80 Prozent werden von der katholischen und evangelischen Kirche getragen. Allein an katholischen Schulen lernen 370 000 der 590 400 deutschen Privatschüler. Hinzu kommen Schulen, die von Vereinen getragen nach bestimmten pädagogischen Konzepten arbeiten, etwa Montessori- und Waldorfschulen. Auch andere freie und Internatsschulen zählen dazu.

Montessori- und Waldorfschulen entwickelten sich aus der Reformpädagogik Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wollen die Entwicklung der Persönlichkeit fördern, setzen wenig auf traditionellen Unterricht, dafür auf emotional gestütztes und soziales Lernen. "Hilf mir, es selbst zu tun" war das Motto der Medizinerin, Reformerin und ersten Dottoressa Italiens, Maria Montessori.

20 Prozent aller Eltern würden für ihr Kind eine Privatschule wählen, vorausgesetzt es gäbe genügend Plätze. Das teilte der Bundesverband Deutscher Privatschulen (VDP) mit.

Der Staat unterstützt die staatlich anerkannten Privatschulen mit 60 bis 80 Prozent der Kosten. In manchen Bundesländern und Kirchenbezirken ist der Besuch für die Schüler kostenlos. Konfessionelle Schulen verlangen selten mehr als 50 Euro im Monat.

An teuren Privatschulen wie mehrsprachigen Gymnasien oder Internaten kann das Schulgeld mehrere tausend Euro im Jahr betragen. Etwa 30 Prozent der privaten Schulen bieten eine Ganztagsbetreuung an.


Neues Deutschland, 27.01.2004

Eine Schule mit Zeit für Samba

In Wendenschloss öffnet im Februar eine Montessori-Gesamtschule
Von Michael Haering

Wenn Uwe Reyher nicht persönlich ans Telefon gehen kann, meldet sich eine Kinderstimme auf seinem Anrufbeantworter: "Du kannst uns gerne eine Nachricht hinterlassen, wir rufen dann vielleicht zurück." Uwe Reyher ist der zukünftige Grundschullehrer der ersten freien Montessori-Gesamtschule in Berlin mit einem angeschlossenen Kinderhaus.

"Ich bin der Uwe", stellt sich der sympathische Mittvierziger mit leichtem sächsischen Akzent auf einer der regelmäßig stattfindenden Informationsveranstaltungen den etwa 30 Eltern vor. Maria Montessori habe eine Methode entwickelt, die "vom Kinde ausgeht". Entscheidend sei, dass man Dauer und Inhalt des Unterrichts den Bedürfnissen der Kinder anpasse und nicht umgekehrt. "Ich lass mir Zeit, es klingelt ja nicht nach 45 Minuten." Dafür steht auch das Montessori-Symbol der Schnecke, das jemand mitten in den Umbauarbeiten mit bunter Kreide mannshoch in die Eingangshalle der neuen Schule gemalt hat.

Nach langen Verhandlungen mit dem Bezirk hat der Elternförderverein Treptow-Köpenick für Montessori-Pädagogik seit Dezember kostenlos das Gebäude eines ehemaligen Gymnasiums in der Köpenzeile 125 in Wendenschloss zur Verfügung gestellt bekommen. Durch seine Waldnähe, das Gartengelände und seine zwei Etagen genügt es den Ansprüchen einer einzügigen Montessori-Gesamtschule mit Kinderhaus und perspektivisch sogar mit der berlinweit ersten gymnasialen Montessori-Oberstufe.

Maria Montessori war die erste promovierte Kinderärztin und Heilpädagogin in Italien. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeitete sie erst mit behinderten, später auch mit nicht-behinderten Kindern. Sie stellte fest, dass ihnen meist nur eine kindergerechte Umgebung und geeignetes Material fehlten, damitsich ihr Interesse für ein konzentriertes Arbeiten entfalten kann.
Uwe Reyher legt vor versammeltem Publikum auf einem Tisch kreisförmige Holzplättchen aneinander, die in unterschiedliche Brüche zersägt sind. Er nimmt den ersten Kreis in beide Hände, der den Einser darstellt, und tut so, als breche er ihn ganz dramatisch in zwei Teile. So erklärt ein Montessori-Lehrer seinen Schülern das Bruchrechnen. "Kinder lernen mit allen Sinnen", erläutert der diplomierte Deutsch- und Kunstlehrer die Arbeit mit den "Sinnesmaterialien", darum sei es so wichtig, den Unterricht nicht nur abstrakt zu gestalten. Das vorbereitete Montessori-Material ermögliche es den Kindern, auch eigenständig zu lernen, ohne dass eine Lehrerautorität ständig eingreifen und korrigieren müsse.

In den umliegenden Ortsteilen Schöneweide, Grünau und Rahnsdorf konnten bereits in den letzten Jahren einzelne Montessori-Klassen in staatlichen Grundschulen durchgesetzt werden. Aber erst in einer selbstverwalteten Schule werden die Eltern unmittelbar zu Arbeitgebern der Lehrer. Dafür zahlen sie ein Schulgeld von 95 Euro zuzüglich einer Vereinsbeitrags von 35 Euro im Monat und eine einmalige Pauschale von 500 Euro pro Kind von der Einschulung an.

In der Montessori-Ganztagsschule werden 20 Kinder pro Lerngruppe angestrebt, im Kinderhaus zwei Gruppen à 15 Kinder, wobei immer mindestens zwei Betreuer anwesend sind. In jeder Lerngruppe arbeiten drei Jahrgänge zusammen, so dass in der ersten Klasse normalerweise 6-, 7- und 8-jährige Kinder zusammen unterrichtet werden, eine Methode, die auch zunehmend vom staatlichen Schulbetrieb übernommen wird. So entstünden neue soziale Rollen, wie sie auch in der Familie oder auf dem Spielplatz alltäglich sind, meint Uwe Reyher. Die Älteren werden zu Helfern des Lehrers und bringen den Jüngeren bei, was sie gelernt haben. Außerdem vertiefen sie dabei ihr eigenes Wissen. Die Jüngeren werden neugierig, wenn die Älteren komplizierte Zusammenhänge kennen lernen.

Bis zur 10. Klasse werden keine Noten verteilt. "Wenn Ihre Kinder laufen lernen, geben Sie Ihnen ja auch keine Noten", so Reyher entwaffnend. Eine sprachliche Beurteilung sei viel natürlicher, Und wenn ein Kind gerne den Klassenraum verlassen will, dann ist das jederzeit möglich. Körperlicher Bewegungsdrang und individuelle Lernphasen werden respektiert. Beim Verlassen des Gebäudes scheint die große, bunte Schnecke zu sagen: "Lass dir Zeit", während im Hintergrund Sambatrommeln zu hören sind.

---------------------------

Jeden Donnerstag 17-19 Uhr, Köpenzeile 125, Gesprächskreis für Eltern, Einschulung ab Februar 2004. Kontakt auch unter: www.montessoriverein.de

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Ausgabe des "neuen Deutschland" vom 27.01.04


Presseinformation vom 13. November 2003:

Berliner Zeitung

Die erste Montessorischule in Berlin.

Vom Kinderhaus bis zur Oberstufe

Am 25. November 2003 informiert der Elternförderverein für Montessoripädagogik Köpenick/Treptow e.V. zu seinem pädagogischen Konzept für ein Kinderhaus und eine Gesamtschule von Klasse eins bis zur Oberstufe.

Ort: Köpenzeile 125 in 12557 Berlin (Wendenschloss)

Zeit: 19.30 Uhr

Kinder und ihre Eltern erhalten an diesem Abend Antworten auf Fragen, wie: "Wie lernt mein Kind in jahrgangsgemischten Gruppen ohne Noten? ... Was bedeutet naturwissenschaftlicher Unterricht in Biologie oder Geografie in der Grundschule für mein Kind? ... Die künftigen Pädagoginnen und Pädagogen des Kinderhauses, der Grundschule und der Sekundarstufe I und II sowie Mitglieder des Schulträgervereins erteilen dazu gern Auskunft. Eine Genehmigung zum Start von Kinderhaus und Grundschule für den Januar bzw. Februar 2004 liegt vor, weitere Gespräche mit den Verantwortlichen im Senat für den Oberschulbereich sind vorgesehen.

Der Elternförderverein für Montessoripädagogik, der seit neun Jahren aktiv im Stadtbezirk Montesssori-Zweige an staatlichen Grundschulen in Oberschöneweide, Grünau, Rahnsdorf und Friedrichsfelde mit initiiert hat und fördert, eröffnet mit dieser in Berlin einzigartigen Initiative Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu einem Spielen, Lernen und Arbeiten von zwei bis 18 Jahren unter einem Dach.
Zur kontinuierlichen Umsetzung der Ideen Maria Montessoris bedarf es einer Bildungseinrichtung, die das selbstbestimmte Lernen der Kinder durch alle Entwicklungsphasen hindurch - vom Kindergarten- über das Vorschul- und Grundschulalter bis hin zum Oberschulalter - ermöglicht.
Der Verein ist überzeugt, mit seinem in zweijähriger Arbeit erstellten Konzept eine Möglichkeit aus der allgegenwärtig beklagten Bildungsmisere hinauszuweisen.